In einem ehemaligen Tanzlokal in Bremen befindet sich eines der ältesten Tonstudios Deutschlands: das Studio Nord im Stadtteil Oberneuland im Bremer Osten. Wer den großen Saal betritt, findet eine Bühne mit dunkelrotem Vorhang, eine Diskokugel unter der fast sechs Meter hohen Decke und einen großen Teppich mit schnörkeligen Ornamenten auf dem Parkettboden. Rund um den Aufnahmeraum und im Keller lagert Tontechnik aus den letzten Jahrzehnten.
Von Heintje über Rudi Carrell bis zu Joy Denalane standen im Studio Nord schon viele Stars für ihre Musikproduktionen vor dem Mikrofon. Geschäftsführer und Musikproduzent Gregor Hennig sagt, die Künstlerinnen und Künstler schätzten den Hauch von Nostalgie, der ihnen Inspiration biete. Das älteste noch gut funktionierende Mikrofon im Haus sei rund einhundert Jahre alt. Über dem Studio befindet sich eine Gästewohnung, sodass Musikerinnen und Musiker vor Ort leben und arbeiten können.
Saal mit besonderer Akustik
An seine erste Begegnung mit dem Saal im Jahr 2013 erinnert sich der 52-Jährige gut: „Ich war sofort schockverliebt“. Im hohen Saal mit der gewölbten Decke hätten sogar Streich- oder Blasinstrumente genügend Raum, um sich zu entfalten. Das sei zum Beispiel bei Jazz-Aufnahmen ein Vorteil. Janne Gruhn, 31, arbeitet seit fünf Jahren als freiberufliche Tonmeisterin im Studio Nord. Sie sagt, viele Leute fühlten sich wegen der guten Akustik wohl, aber auch, weil das Studio nicht wie eine laborhafte, technische Arbeitsumgebung aussehe.
Gründer war Schlagersänger
Gründer Wolfgang Roloff kaufte das Gebäude 1969. Unter dem Künstlernamen Ronny feierte er als Schlagersänger mit Liedern wie „Oh My Darling Caroline“ Erfolge. Auch „Sierra Madre Del Sur“ stammte ursprünglich von ihm. Der einstige Gasthof „Haus Niedersachsen“ hatte mehr als ein halbes Jahrhundert als Tanzlokal gedient. Heintje und Heino nahmen hier Songs auf, Rudi Carrell sang „Wann wird’s mal wieder richtig Sommer?“. Auch das Mastering für Alphavilles Hit „Forever Young“ fand im Studio statt.
Im August 2011 starb Roloff, im Dezember desselben Jahres auch sein Kompagnon. 2013 übernahm Gregor Hennig das Studio, anfangs mit einem Geschäftspartner. Seither entstanden dort Songs und Alben etwa von den Fantastischen Vier, Joy Denalane, Sophie Hunger, Jeremias, Thees Uhlmann oder Bela B. von den Ärzten. Viele Bands verbinden die Aufnahmen laut Hennig mit einem Konzert im Studio. Zudem finden Musik-Workshops statt.
Analoge Technik als Markenzeichen
Hennig entwickelte das nostalgische Ambiente weiter: Hinter dem alten Kachelofen zieren neue Blumentapeten die Wände, der Terrazzo-Boden im Eingangsbereich wurde freigelegt, ein lindgrünes Sofa stammt aus der Gasthof-Ära. Neben seinem Schreibtisch steht ein fast 50 Jahre altes Mischpult. Die Vorbesitzer hatten ihr ausrangiertes Equipment im Haus gelagert, sodass viele funktionsfähige Geräte erhalten blieben. „Die Technik aus den 1950er-Jahren ist besonders hochwertig“, sagt Hennig.
Das Studio kann rein digital arbeiten. Gelingt es Hennig, Musikerinnen oder Musiker von einer analogen Aufnahme auf Tonband zu überzeugen, freut ihn das besonders: „Der Klang ist natürlicher als bei Digitalaufnahmen.“ Er glaubt, die menschliche Komponente werde in der Musikproduktion wieder bedeutsamer.
Thorsten Nagelschmidt, Sänger von Muff Potter, und Flo Mega äußern sich laut Internetseite des Tonstudios begeistert über die Räume.






